Das seit der Antike bereits bekannte Heilverfahren Aderlass war bis in das 19. Jahrhundert ein weit verbreitetes und angewandtes Heilverfahren. Die medizinische Bezeichnung für den Aderlass ist auch Hämodilution oder auch Phlebotomie, die sich aber nicht eindeutig mit dem Heilverfahren Aderlass deckt. Die Methode des Aderlasses basiert darauf, dem Patienten eine nicht unerhebliche Menge Blut zu entnehmen. Der Aderlass ist heute allerdings lange keine so alltägliche Heilmethode, wie sie es bis zum 19. Jahrhundert noch war. Heutzutage wird der Aderlass noch in einigen Krankheitsfällen von der Schulmedizin angewandt und im Bereich der Alternativmedizin ist der Aderlass eines der ausleitenden Verfahren, das unter anderem zur Stärkung des Immunsystems beitragen kann. Der Rückgang der universellen Methode für fast jede Krankheit folgte daraus, dass der Nachweis über eine positive Wirkung der Methode Aderlass nur bei sehr wenigen Krankheitsbildern in der heutigen Zeit vorliegt. In der Umgangssprache werden oft auch die Blutspende oder eine Blutentnahme als Aderlass bezeichnet, was allerdings nichts oder nicht viel mit der eigentlichen Methode des Aderlasses gemeinsam hat – schon allein in der Menge des entnommenen Blutes liegt hier ein doch sehr erheblicher Unterschied vor. Die Blutspende soll schließlich andere Leben retten und die geringe Menge Blut bei einer Blutabnahme dient lediglich diagnostischen Zwecken.
Der Aderlass war auch im antiken Griechenland zur Zeit des Hippokrates eine wichtige Behandlungsform. In der galenischen Medizin stellte der Aderlass bis in das 17. Jahrhundert eine der wichtigsten Therapieformen dar. Die beiden Vorstellungen des Nutzens des Aderlasses waren zum einen die Annahme, das Blut könnte sich in den Gliedern stauen und dadurch verderben – daher musste nach damaliger Erkenntnis das so genannte schlechte Blut entfernt werden. Die zweite Vorstellung basierte darauf, dass ein Ungleichgewicht der 4 Säfte bei einer Krankheit vorliegt – nämlich zwischen Blut, gelber Galle, schwarzer Galle und Schleim gemäß der Viersäftelehre. Zur Wiederherstellung des Gleichgewichts innerhalb dieser vier Säfte wurde die Ausleitung bei Blutfülle und Fieber durchgeführt und sollte so für die Genesung bei fast jeder Erkrankung beitragen. Bereits im Mittelalter folgte nach dem Aderlass eine genaue Untersuchung des entnommenen Blutes. Bereits im Mittelalter erfolgte also eine Blutabnahme zu diagnostischen Zwecken, allerdings in größeren Menge, da die Blutentnahme auf einem Aderlass basierte. Galenos – der Begründer der galenischen Medizin war der Überzeugung, dass es sich beim Blut um den dominanten Stoff handelt, der besonders kontrolliert werden muss. Hierfür erstellte Galenos ein umfassendes System, bei dem die zu entnehmende Menge des Blutes beim Aderlass aus dem Alter des Patienten, seinem Zustand und auch aus der jeweiligen Jahreszeit und der momentanen Wetterbedingungen abgeleitet wurde. Selbst in der islamischen Medizin und auch in der ayurvedischen Medizin war der Aderlass bereits in frühen und antiken Zeiten bekannt. In Fernost gehörte der Aderlass ebenfalls zu den Standardtherapien in der Medizin.
Im Mittelalter gehörte der Aderlass in unseren Regionen zu den gängigen Heilmethoden, die die Ärzte und Bader anwandten. Der Aderlass galt zu dieser Zeit als eine fast universelle Methode, jegliche Krankheiten heilen zu können. Dabei basierten die Zeiten für einen Aderlass und auch für die ausgewählten Stellen am Körper, an denen der Aderlass vorgenommen wurde, auf astrologischen Kriterien. Die Darstellungen von zahlreichen so genannten „Aderlass-Männchen“ geben Aufschluss über die damaligen Grundlagen für den Aderlass. Die Grundlagen des Aderlasses wurden zwar bereits im Jahr 1628 von William Harvey durch die Entdeckung des Blutkreislaufs widerlegt, aber dennoch blieb der Aderlass bis in das 19. Jahrhundert eine der am häufigsten eingesetzten Therapien für eine Vielzahl unterschiedlicher Krankheiten. Bei den Methoden des Aderlasses im Mittelalter, wo diesen meist der Bader durchführte, wurden spezielle Aderlass-Messer verwendet, die so genannten Flieten. Ab dem 15. Jahrhundert kam dann der Schröpfschnepper zum Einsatz – ein Gerät, dessen Messer nach dem Anritzen der Ader sofort zurückschnappt. Das heute bekannte Schröpfen gibt es ebenfalls in der blutigen Variante, die teilweise auf den Methoden des Aderlasses basiert. Allerdings werden dabei keine so enormen Mengen Blut entnommen wie in den Zeiten des Aderlass als hauptsächlich praktizierte Heilmethode. Heutzutage wird in der Schulmedizin im Regelfall mit einer größeren Kanüle eine Menge zwischen 50 ml und 500 ml Blut aus dem Körper des Patienten entnommen, was dann zur Diagnose für Krankheiten verwendet wird. Ebenfalls können auch Blutegel zum Blutentziehen eingesetzt werden. Dabei verhindert die spezielle Zusammensetzung des Speichels der Blutegel eine Gerinnung des Blutes. Aber auch beim Einsatz von Blutengeln ist die Blutmenge, die entnommen wird, so gering wie auch beim blutigen Schröpfen, sodass hier nicht direkt von einem Aderlass gesprochen werden kann. In der heutigen Medizin wird der Aderlass noch bei einzelnen Krankheiten angewandt, zum Beispiel bei einer Erkrankung wie der Polycythamaemia vera, bei der sich die roten Blutkörperchen krankhaft vermehren, was zu einer Erhöhung der Blutviskosität führt. Auch bei der Hämachromatose wird noch der Aderlass angewandt. Bei dieser Erkrankung liegt eine Störung des Eisenstoffwechsels vor. Durch die Aderlässe wird eine Senkung des Eisengehaltes im Blut erreicht. Ebenfalls kann ein Aderlass die Fließeigenschaften des Blutes positiv beeinflussen und somit zum Beispiel eine Zentralvenenthrombose verhindern. In der Alternativmedizin übernimmt der Aderlass die Funktion eines ausleitenden Verfahrens, indem mit dem Blut auch Giftstoffe aus dem Körper transportiert werden. Durch die Neubildung des Blutes überwiegt dann das gesunde Blut und der Anteil der Giftstoffe – zum Beispiel durch Fehlernährung, Medikamente oder auch durch Umwelteinflüsse – ist entsprechend geringer. Generell wird der Aderlass also durchaus noch angewandt – aber eben nicht mehr in der Masse und mit der enormen Abnahmemenge an Blut, wie der Aderlass vor dem 19. Jahrhundert praktiziert wurde. Durch die Entnahme des kranken oder mit Giftstoffen versetzten Blutes wird gesundes, neues Blut nachgebildet, was durchaus zu Verbesserungen des Krankheitsbildes beitragen kann. Sehr wichtig ist ein Aderlass zum Beispiel bei einer Blutvergiftung, bei einer dauerhaften Verdickung des Blutes, die eine Thrombosegefahr bedeuten kann, wie auch bei einem dauerhaft hohen Blutdruck. Zudem kann der Aderlass das Immunsystem stärken, indem die Blut bildenden Organe entsprechend angeregt werden.